03 Februar 2009

India: Schweigen in Bodhgaya

Bodhgaya ist der dritte der vier heiligen buddhistischen Orte – der Ort, wo Buddha vor über 2500 Jahren unter dem Bodhi-Tree die Erleuchtung erlangt hat.
Und genau hier werde ich eine langersehnte Erfahrung machen – einen Vipassana-Retreat.

Vipassana ist eine uralte Form der Meditation, die ursprünglich in Indien im Buddhismus geboren wurde und heute in diversen Religionen und Lebensphilosophien gelebt wird. In Vipassana verbringt der Schüler traditionellermassen zehn Tage im Schweigen und somit in absoluter Abgeschiedenheit von jeglichen äusseren Einflüssen– ganz mit sich alleine!
Ich habe schon vor einigen Jahren diese Art der Meditation kennen gelernt. Habe darüber gelesen und mit Menschen gesprochen, die diese Erfahrung gemacht haben. Vipassana hat mich von Anfang an begeistert und angezogen; angezogen von der Intensität, die ein solcher Retreat zu haben scheint und von den persönlichen inneren Erlebnissen und Einsichten während des Schweigens. Spannend und tief werden diese sein – davon war ich immer überzeugt.

Auch in der Schweiz gibt es die Möglichkeit, einen Vipassana durchzuführen. Und schon oft habe ich daran gedacht, mich anzumelden. Jedoch konnte ich mich nie mit der Location anfreunden, habe mir nicht vorstellen können, dieses für mich neue Erlebnis das erste Mal in der Schweiz, weit weg vom tatsächlichen Ursprung dieser Meditation, zu machen.
Und als ich im Dezember, hoch oben im Himalaya, da wo die Götter ihr zu Hause haben, von Robert erfahren habe, dass im Januar ein spezieller Vipassana an dem Ort wo Buddha zur Erleuchtung kam, durchgeführt wird, da wusste ich es – hier ist die richtige Location! Wo könnte es passender sein, als da wo noch heute der Bodhitree der Erleuchtung steht...

Und so kam es, dass Robert und ich gemeinsam von Varanasi nach Bodhgaya fuhren, ein kleines Dorf im Staate Bihar. Bihar ist ein bekannt-gefürchteter Staat in Nordost-Indien. Er ist von Armut gekennzeichnet, the poorest state im ganzen Lande. Hier, wo der Buddhismus – die Religion von Mitgefühl und Liebe – geboren wurde, leben die Menschen heute in Armut und Angst, ist Gewalt ein tägliches Thema. In Bihar muss man sein Hab und Gut immer im Auge behalten, damit nichts gestohlen wird. Auch soll man in der Dunkelheit keine Wege beschreiten, die ab von der Zivilisation sind. Im Zug, wenn er durch diesen Staat fährt, muss alles doppelt angekettet werden. Dies und noch etliche weitere Ratschläge habe ich von den Indern immer postwendend erhalten, kaum als ich meine Absicht nannte, nach Bodhgaya zu gehen.

Robert und ich fuhren dann aber dennoch los - zum nächstgelegenen Bahnhof; nach Gaya, das Nachbardorf von Bodhgaya und wahrlich ein absolut elender Platz. Obwohl vorgewarnt, waren wir überrascht, wie traurig, dreckig und ungemütlich es in Gaya ist. Da wir spät Abends angekommen sind, entschieden wir eine Nacht dort zu bleiben – denn das Waldstück, das die zwei Dörfer trennt, ist bekannt für nächtliche Überfälle auf Touristen.
So durften wir die ungemütliche Erfahrung einer ungemütlichen Übernachtung in einem ungemütlichen Guesthouse machen. Konnten kaum den Morgen abwarten wo es dann endlich in das buddhistisch verehrte, geschichtsträchtige Bodhgaya ging.

Der Vipassana-Meditations-Retreat wird im Thai-Tempel stattfinden, der bekannt dafür ist, the most beautiful place in Bodhgaya zu sein. Und kaum ins Dorf eingebogen, sahen wir auch schon dieses strahlende Schmuckstück vor uns auftauchen.
Eine wahrlich traumhafte Anlage, wir kamen aus dem Staunen über unser baldiges ‚zu Hause‘ kaum mehr raus – und dies alles in Bihar ;-).

Doch bevor wir hinter die Tore des Tempels schritten, wo wir dann für 10 Tage nicht mehr hinaus gehen und unsere Lippen verschlossen bleiben werden – erkundeten Robert und ich das geschichtsträchtige Städtchen:
Am überwältigsten war für mich die riesige weisse Buddha-Statue. Einfach umwerfend... und unbeschreiblich, wie dieses riesige Kunstwerk aus Sandstein und Granit, von der japanischen Daijokyo Sect mit dem Slogan 'Spread Buddha's rays to the Whole World' hoch über den Ort ragt. Das Ziel der Errichtung, welche 120’000 Menschen beschäftigte und sieben Jahre dauerte, war die Verbreitung der Message vom Buddhismus und von World-Peace. Sie ist der wahrscheinlich Grösste Bau in ganz Indien – und wurde 1989 vom Dalai Lama höchstpersönlich eingeweiht.
Sie ist knapp 30 Meter hoch, schneeweiss und strahlt einen umwerfenden und schlichten Glanz aus. Ich war regelrecht von ihrer Schönheit überwältigt... (auf den Bildern könnt Ihr sehen, wenn auch nur annähernd, was ich meine ;-)
In Bodhgaya haben diverse Buddhismusorganisationen aus den unterschiedlichsten Ländern, wie Burma, Thailand, Japan, Deutschland oder auch anderen europäischen Ländern, Monasteries erbaut, um die Message der Statue zu supporten. Und es sind diese buddhistischen Kunstwerke, alle mit ihrem eigenen Einschlag, welche dem Ort einen so speziellen Charme verleihen.

Von the Greath Buddha Statue gings dann mittels einem kurzen Fussmarsch zum Herzstück von Bodhgaya: der „Mahabodhi Mahavihara Meditation Park“; Siddharta Gautama‘s Ort der Erleuchtung! Eine World Heritage Site, wo noch heute neben einer faszinierenden, 55 Meter grossen Stupa, der berühmte Banyan-Tree (Pappelfeige), the holy bodhi-tree, der Baum der Erleuchtung, steht.
Unendlich viele Tempel und Stupas sind im heiligen Park errichtet worden. Über dem Makalinda-See, wo die Statue von Buddha mit der über ihm stehenden Kobra zu sehen ist, flattern unzählige buddhistische Prayerflags, die Lung-ta’s (die fünf Elemente representierend). Die Legende sagt, dass sich am sechsten Tag von Gautamas Meditation ein gewaltiges Unwetter erhob. Eine Kobra richtete sich daraufhin auf und breitete ihren Kopf zum Schutz über den Meditierenden. Gautama hat, nach sechs-jähriger Askese (Enthaltsamkeit), hier beim Makalinda-See während seiner mehrwöchigen Meditation den Weg zur Mitte gefunden und die Erleuchtung erlangt. Er fand die “Vier edlen Wahrheiten” (das Leiden, die Ursachen des Leidens, das Aufheben und der Weg zur Aufhebung des Leidens) - und Hass, Begierde und Unwissenheit fielen von ihm ab. Er wurde zum “Buddha”, zum Erwachten – und zum Begründer des Buddhismus.

Ein wunderbar besinnlicher Ort, dieser Park – und genau zu diesem Zeitpunkt war er sogar noch etwas anders als sonst. Einmalig - nämlich so, wie er nur einmal im Jahr vor ‚Leben & Rythmus‘ strotzt! Der jährliche „Kagyu Monlam“-Event fand gerade statt.

Rund um die Stupas waren unendlich viele Bretter, gerade so gross dass eine durchschnittlich grosse Person darauf ausgestreckt Platz findet, auf dem Boden dicht nebeneinander aufgestellt; und unzählig viele Buddhisten, jeglichen Alters, jeglicher Hautfarbe und mit den unterschiedlichsten objektiven Charaktereigenschaften (auch einige Westler waren dazwischen zu erkennen) führten darauf ihre Prostrations (*) durch. Fantastisch, diese Rituale und Gegebenheiten miterleben zu können... Jeder Schritt beschehrte uns einen neuen Blick auf etwas Neues und Spannendes... An einem Ecken des Parkes sahen wir Hunderte von Gläubigen, alle dicht beieinander am Boden sitzend, eingehüllt in ausschliesslich orangener Kleidung, wie sie einem Lehrer lauschten und Zeremonien durchführten – deren farbintensiven Anblick einfach unbeschreiblich war... Mantra-Gesänge schwebten in der Luft, von überall her kamen sie - und verliehen dem mystischen Ort eine spezielle, lebendige Atmosphäre.
Wir liefen im Uhrzeigersinn auf dem äussersten Ring um den Haupttempel – liessen die Situationen und Szenen auf uns wirken und lauschten den Gesängen und Teachings all der unterschiedlichen buddhistischen Lama’s. Es war eine richtig spezielle Energie dort! Und eine angenehme Ruhe und Zufriedenheit lag erfrischend in der Luft. Eine für uns ungewöhnliche und lustige Situation war, als wir mitten in der Menge sahen, wie zwei Tibeter ihre Köpfe zusammen steckten und irgendwas ansahen und lachten... was ist das nur, was ihre Aufmerksamkeit so intensiv auf sich zieht? Und plötzlich sahen wir was ihr Objekt der Begierde war.... ;-) ein Handy ;-) Et voilà, auch im tiefen Buddhismus, bei den streng gläubigen Mönchen, macht der Fortschritt der Technik keinen Halt ;-) Wir mussten schmunzeln...



(*) Eine Prostration ist die körperliche Demonstration von Hingabe und Wille, sie wirkt auf den Ausführenden meditativ und soll so den Geist beruhigen und auf den Moment konzentrieren.
Und so geht’s: Die Hände in prayer-position aneinander gelegt, zuerst zum Kopf, dann zur Stirn und danach zur Brust geführt, gefolgt von in die Knie gehen, auf dem Boden ausstrecken mit der Stirn zur Erde, Hände weit nach vorne, dann wieder zurück gleiten und elegant, ohne Kraftaufwand mit der Energie aufstehen, die Hände - stets in prayer-position - hingabevoll vor die Brust haltend. Zur Hilfe des vollkommen ausgesteckten Abliegens werden oftmals zwei Rutschkissen unter jeder Hand verwendet, die auf dem Brett nach vorne gleiten.
Prostrations werden in bestimmten Anzahlen immer wieder wiederholt und sind körperlich anstrengend. Eine Bekannte zum Beispiel, hat 8‘000 während den letzten 12 Monaten auf ihrem buddhistischen Lehrweg durchgeführt! Und sie wird noch unzählige weitere davon machen...

Das rege Treiben im Park findet jedes Jahr im Januar, also genau während den Tagen wo wir hier waren, zu Ehren des Monlam-Festival‘s statt. Zu diesem Anlass kommen mehrere tausend Buddhisten aus den unterschiedlichsten Ländern von weit her gereist und das kleine Bodhgaya überquillt förmlich vor lauter Menschen. Um ihnen allen Nahrung und ein Dach über dem Kopf zur Verfügung stellen zu können, werden auf den sonst leeren angrenzenden Feldern hunderte von Zelten aufgestellt, worin - vorwiegend von Tibetern - Restaurants und Schlafstätten betrieben werden.

Für Interessierte, hier eine kleine Erläuterung zum Buddhismus und Entwirrung der vieler Begriffe seiner unterschiedlichen Richtungen: Der Buddhismuss kann in drei Hauptrichtungen unterteilt werden; Hinayana (das kleine Fahrzeug), Mahayana (das grosse Fahrzeug) und Vajrayana (unverwüstliches Fahrzeug). Obwohl alle drei als eigenständige Richtungen bezeichnet werden, ist der Vajrayana dem Mahayana zugeordnet, und kann ohne ihn nicht eigenständig betrachtet werden.
Der tibetische Vajrayana-Buddhismus wird durch vier Linien (Orden) dargestellt; diese sind Nyingma (neben Tibet vorwiegend in Nepal, Bhutan und Sikkim vertreten), Kagyu (Bhutan und Sikkim), Sakya (Nepal) und die Gelug. Zur Verständigung: Der berühmte DalaiLama ist der Führer der tibetischen Gelug-Linie, welche die jüngste dieser vier ist. Und auch der bekannte Panchen Lama gehört zu den Gelugpa - wie die Anhänger dieser Linie genannt werden.
Das Monlam-Festival hier in Bodhgaya wird, wie der Name schon verrät, von der Kagyu-Linie durchgeführt; mit dem Ziel, dass jedermann – ob Buddhist oder nicht - Teachings und Zeremonien ihrer Lehrer und Lama’s miterleben kann. Kagyu bedeutet „mündliche Übertragung“ und diese Linie zeichnet sich dadruch aus, dass sie auf die Meditation besonderen Wert legen. Unter ihnen gibt es Richtungen, die bekannt als die ‚Macher‘ sind, was sich in diversen Ritualen und künstlerischen Tätigkeiten, wie zum Beispiel das Malen von Gemälden, ausdrückt. Dies im Gegensatz zu den Gelug Angehörigen (DalaiLama), welche als die ‚Studierenden‘ gelten (sich also hauptsächlich mit dem Studieren von heiligen Texten befassen) und auf Mönchsdisziplin und Zölibat grossen Wert legen.

Für Buddhismus-Interessierte sind diese Tage hier in Bodhgaya der optimale Moment, sich umzusehen und inspirieren zu lassen und sogleich die Möglichkeit haben, Kontakte zu knüpfen.

„His Holiness the 17th Karmapa Trinley Thaye Dorje“, das junge, erst 25-jährige Oberhaupt des Kagyu-Ordens, hat die Tage zuvor Teachings gehalten und Tausende von Mönchen und unzählige Interessierte sind, extra um ihn zu sehen, angereist. Er ist weltweit ein sehr beliebter Führer und Lehrer – jung, weltoffen, freundlich und sehr intelligent. Vor 15 Jahren wurde er als Wiedergeburt entdeckt und vom Dalai Lama bestätigt (die Oberhäupter dieser beiden Buddhismus-Orden bestätigen sich jeweils gegenseitig die Inkarnation ihres Führers). Seine Geschichte zu erfahren, ist eine reine Freude. Im Alter von süssen ein-einhalb Jahren hat er bereits begonnen, den Leuten zu erzählen, dass er der Karmapa sei. Und dies, ohne jemals davon gehört zu haben. Als seine Familie dann 1994 von Tibet flüchten konnte, zuerst nach Nepal und weiter nach Indien, wurde er noch im selben Jahr in Delhi an einer buddhistischen Zeremonie als 17. Wiedergeburt des Karmapa erkannt. Ihm wurde der Name Trinley (bedeutet Buddha activity) Thaye (limitless) Dorje (unchanging) gegeben.
Gerne hätte ich ihn gesehen und erlebt – aber leider waren seine Sessions gerade beendet als wir ankamen.

Die Namen der Anwesenden zeigt die Wichtigkeit dieser Veranstaltung – und ich war stolz, diese miterleben zu können!
To be there, in between all these people and between all of that what was happening - just a wonderful and unique experience!


Und dann gings los – am 18. Januar 2009, im wunderschönen Thai-Tempel in Bodhgaya: Die Organisatoren erklärten uns alle Pflichten und Gegebenheiten (jaja, wir mussten auch einige Ämtchen erledigen, wie Toilette putzen, Gehwege wischen, in der Küche helfen oder WC-Papier verbrennen – was jedoch wider Erwartens überhaupt nicht schlimm war;-). Sie erklärten uns auch, wie wir bei Problemen kommunizieren können (mittels Zettelchen nämlich, an der berühmten Pinwand). Ja die Pinwand – ein Ort wo ich immer gerne hinging... ob den Tagesablauf anzuschauen und festzustellen, wo ich grade stecke – sprich wie viele Sittings noch kommen werden ;-), den täglichen und immer sehr inspirierenden Spruch zu lesen oder aber um mich den anderen nahe zu fühlen, denn an der Pinwand traf man stets auf einen Mit-Sitzenden und ein freundliches Lächeln war einfach immer ein schöner Moment. Ja spannend, wie man die Kommunikation-ohne-Worte plötzlich ganz anders erlebt und zu schätzen lernt!
Die drei Organisatoren, Tracy, Chad & Karen, alles junge liebenswerte zum Buddhismus übergetretene Engländer, werden selbst nicht am Retreat teilnehmen, doch sie begleiten uns und werden die wichtige Aufgabe haben, uns die kommenden 10 Tage alles liebevoll ‚vom Hals zu halten‘; das heisst jeden Einfluss und jedmögliche Störung von Aussen abzufangen. Was, wie sich sehr schnell herauskristallisierte, uns überhaupt erst erlaubte diese tiefe innere Erfahrung zu machen, die bald auf jeden einzelnen von uns zukommen wird...

Die zehn Tage Retreat waren sehr strukturiert – zum Glück, denn genau die immer gleichbleibende Struktur der Tage, gibt ein wohliges Gefühl der Routine. Jeder Tag begann mit dem Weck-Gong um 5.30 Uhr, gefolgt von einer super Yoga-Stunde um dann mit gut durchbluteten Gliedern in die erste Sitz-Session zu starten – worüber ich mehr als nur erfreut war. Denn der Unterschied des Sitzens, ob mit kalten oder warmen Muskeln, ist immens!
Nach dem ersten Sitzen gabs Frühstück – leicht und fein, und immer mit verschiedenen Tee’s. Was es nicht gab während der zehn Tage, waren: Café, Fleisch, Fisch oder andere tierische Produkte, sowie auch keine Zigaretten! ;-) Olala – da hab ich mich, um ehrlich zu sein, schon etwas gefürchtet davor. Das Schweigen, das Sitzen und dann noch gleichzeitig mit dem Rauchen aufzuhören... wenn ich da mal nur nicht ‚nervös‘ werde.... Und ich wünschte mir intensiv, dass ich nicht unruhig werde wegen diesen blöden Zigaretten... Und siehe da - erst am dritten Tag habe ich überhaupt das erste Mal ans Rauchen gedacht. Und die Gedanken waren in etwa so: „Ups, ich rauche ja gar nicht mehr;-) Und dies ohne Probleme. Ja ohne den geringsten Gedanken überhaupt! ;-)...“ Warum ich am dritten Tag dann doch daran gedacht habe, war, weil Robert, hinter mir in der Essensschlange stehend, die bereits vor dem Retreat angekündete Handbewegung machte und sich so erkunden wollte, wie sehr ich denn schon zittere ohne meine Zigaretten ;-) (und er hatte recht, hab ich davor wirklich nicht den Eindruck abgegeben, als ob ich so ohne weiteres aufhören könnte!) Und dann kam es ganz anders - und ich war total happy. Wow, wer hätte das gedacht, also ich nicht ;-)

Während des Tages haben wir immer abwechselnd sitting-meditations und walking-meditations gehabt. Und obwohl ich doch schon einige Erfahrung und Übung habe in Meditation und langem Sitzen, es verging keine Session, wo mir nicht die Knie, die Waden, die Hüfte oder der Rücken geschmerzt haben und meine Beine - man kann fast sagen - abgestorben sind! Unglaublich, aber der westliche auf-Stühlen-sitzende Mensch von heute ist tatsächlich nicht mehr fähig, länger als eine Stunde ohne Schmerzen auf dem Boden zu sitzen! Was heisst ‚eine Stunde‘, meistens vergingen wohl keine geschätzte 10 Minuten, und irgendwo hats angefangen weh zu tun... Und die tägliche Wiederholung des Ganzen, die Wiederholung des Schmerzes an immer derselben Stelle, hat mir oft die Tränen in die Augen getrieben... Wut aufkommen lassen... Olala, ich unterlasse es hier glaubs lieber, genau aufzuführen, was mir da jeweils durch den Kopf ging ;-) das würde die Grenzen einer annähernd anständigen Sprache wohl sprengen ;-). Aber genau das sind die Momente, um die es geht und durch die ich Lernen, mich selbst kennen lernen konnte!
Hier möchte ich noch anmerken, dass ich mich natürlich mal wieder selbst mehr als nötig fordern musste ;-). Habe ich versucht, die Meditationen jeweils ohne mich zu bewegen, durchzuführen. Dies hätten wir hier in der Insight-Meditation (Dhamma), im Gegensatz zu der berühmten Goenka-Vipassana-Meditation, gar nicht tun ‚müssen‘ – aber ich mal wieder, hab mich glaubs extra ‚quälen‘ wollen um dadurch so richtig tief einsinken zu können. Über die Bemerkung meiner Mit-Meditierenden am Ende des Retreats „Du hast mich ermutigt you crazy woman, so still und regungslos wie Du immer gesessen bist – hab nur Dich ansehen müssen um wieder neue Energie zu bekommen“, haben wir alle gelacht... ;-) (hihi, war ich ohne es zu bemerken die Einzige, die sich das ‚antat‘...).

Unser Tagesablauf sah nach dem Morgen so aus, dass es um etwa ein Uhr Mittagessen gab. Hmmm... ein Lob an die Köche – das Essen war vom Feinsten und enorm abwechslungsreich. Und alle zwei, drei Tage haben sie uns mit etwas überrascht – Kleinigkeiten, welche aber so grossen Input hatten. Ihr könnt Euch kaum vorstellen, was am frühen Morgen eine leckere Cinnamon-roll, frisch aus dem Ofen, so alles bewirken kann ;-). Oder zur Feier des Tages mal plötzlich ein Lunch-Gericht zusätzlich... Einfach genial, wie sie uns damit erfreut haben – und wie das auch immer ein wunderbarer Schub Energie gab!
Nach dem Mittagessen hatten wir eine Stunde für uns – was sich irgendwie lustig anhört, wenn man bedenkt, dass man den ganzen Tag ‚für sich‘ hat ;-) Aber genau diese Stunde war sehr wichtig. Ob ich nun meine Kleider gewaschen habe oder ob ich einfach irgendwo im Garten in der Sonne gelegen bin – diese 60 Minuten waren immer voller Zauber...

Danach gings dann weiter, mit abwechselnden Sittings und Walkings. Um etwa vier Uhr war – im doch relativ harten Tag voller Schmerzen – dann ein weiterer Lichtblick – der Nachmittagstee mit Früchten. Was auch unsere letzte ‚Mahlzeit‘ am Tag war.... Und danach – drei Mal darf geraten werden – genau, zur Abwechslung mal wieder Sitting und Walking ;-).

Abends, wenn es bereits Dunkel geworden war, kam für mich dann immer der Höhepunkt: die täglichen Teachings von unseren zwei Lehrern Martin und Yvonne.
Abwechselnd haben die zwei für uns wunderbare Reden gehalten. Über Gott und die Welt, wie es abwechselnder und umfangreicher nicht sein könnte... aber was jedes einzelne Teaching mit den anderen gemein hatte, das war ihr absolut geniales Aufzeigen einer Sicht auf Aspekte des Lebens. Und obwohl Martin (gebürtiger Engländer) und Yvonne (gebürtige – wer hätte das gedacht – Schweizerin;-) seit vielen Jahren Buddhisten sind und ihr Leben vollstängig der buddhistischen Weise verschrieben haben, ihre Reden waren für jedermann verständlich und stets voller genialer Ideen und Antworten. Jeder im Raum hing ihnen förmlich an den Lippen... Und ich könnte Seiten schreiben über die zwei, über ihre spannenden Leben und wie sehr ich sie ins Herz geschlossen habe – aber dies ein ander Mal;-).

Wer jedoch auch mal daran denkt, einen Vipassana zu machen, ich kann Euch Martin und Yvonne als Lehrer und Begleiter nur allerbestens ans Herz legen (und wo Ihr sie findet – das gebe ich Euch gerne an, just write me a mail;-).

Die Abend-teachings dauerten meistens um die 90 Minuten – und wie könnte es anders sein, diese 90 Minuten Sitzen waren täglich die physisch leichtesten, die ich erlebt habe ;-). Im Kopf jedoch, da ist immer sehr viel passiert, und ich bin immernoch im Staunen darüber, in welch einfachen Worten und welch gut-verständlichen Beispielen die beiden uns komplizierte Lebens-Themen aufgezeigt und mich immer sehr inspiriert haben: Ob es nun um innere Gefühle ging wie Liebe, Hass oder Leiden... Um die unvorteilhafte Anhaftung an Menschen oder Dinge... Um selbst kreierte Bedingungen, welche das Leben nur erschweren können... Der altbekannte Drang etwas zu erreichen und nie zufrieden zu sein oder sich angekommen zu fühlen... Und hinzu kamen wertvolle Ideen, wie man gemachte Einsichten ins tägliche Leben in der westlichen Welt umsetzen kann.
Oft bin ich aus den Teachings rausgelaufen und mein ganzes Gesicht hat gestrahlt! Wow, hier hab ich was gelernt! Immer und immer wieder... Einfach fantastisch, wie treffend und klar die beiden gesprochen haben!

Bevor dann aber ein jeder von uns 36 Schweigenden in sein Bett stieg – gab es immer noch einen wohligen Gute-Nacht-Tee. Und oft bin ich mit der Tasse in der Hand unter dem traumhaft schönen Sternenhimmel im Garten um den Tempel noch ein Weilchen spaziert... habe meine Gedanken laufen lassen und war glücklich da zu sein, wo ich war!

Der Vipassana war für mich eine absolut einzigartige Erfahrung! Jeden Tag, begleitet von schmerzendem Sitzen und quälenden Gedanken, konnte ich ein Stück weiter kommen, in einer ‚Reise zu mir‘... Wie mein Blogtitel schon sagt – das Reisen beschränkt sich nicht nur auf neue Länder, das Reisen geht viel weiter... „Exploring the world... AND MORE“!
Im Innern des Thailtempels, geschützt von allem was einem im täglichen Leben davon abhält sich Gedanken über einen selbst zu machen (oder die Entschuldigungen die man dafür bestens findet;-), habe ich mich voll und ganz vor allem dem zweiten Teil meiner Entdeckungsreise widmen können. Gedanken und Fragen, welchen ich mich nie gewidmet habe oder zu welchen ich nie eine Antwort gefunden habe, konnte ich im Schweigen angehen. Konnte mir über meine eigenen Verhaltensweisen klar werden, warum ich etwas mache oder eben nicht mache. Warum ich so reagiere oder eben nicht reagiere... Warum mich etwas traurig macht... warum mich etwas wütend macht... warum mich etwas glücklich macht... und die Liste könnte endlos so weiter gehen...

Ich bin glücklich, dass ich diese Erfahrung machen durfte! Natürlich haben sich nicht alle Fragen beantworten lassen, oder alle Verhaltensmuster erkennen und wenn gewünscht, verändern lassen.
Aber egal wie viel – jede einzelne Einsicht oder jedes einzelne Aha-Erlebnis war die 10 Tage Schweigen mehr als Wert ;-)


Der Moment, wo ich den ersten Schritt wieder in die ‚normale Welt‘ gemacht habe, war wie in einem Traum – ich habe den Lärm, die Geräusche, die Menschen und alles was auf mich einwirkte, wie durch einen Schleier wahrgenommen. Wow, ich fühlte mich wie ein anderer Mensch...
Bin glücklich und gestärkt meinen Weg zum Cafi gelaufen – wo sich einige von uns treffen wollten. Und sogleich bemerkten wir, dass wir alle das Gefühl haben, uns schon lange und gut zu kennen; und dies, obwohl wir zwar 10 Tage zusammen gelebt haben, aber bis anhin noch kein einziges Wort miteinander gesprochen haben! Kaum jedoch als sich Gespräche entwickelt haben, merkte ich, dass das ‚Kennenlernen ohne die Sprache‘, genau so funktioniert und sogar intensiver sein kann, wie ‚mit der Sprache‘....


Mein geliebtes ‚zu Hause‘ im Thai-Tempel und andere Eindrücke aus Bodhgaya! (The pictures)